1938 – 1945 – 1955: Vom NS-Terror zur Neutralität

Von Philipp Dobrounig, Claudio Lipnik, Mathias Sagmeister und Peter Wukounig

Winter (sitzt mit einem Bier in der Hand am Tresen und seufzt vor sich hin): Wo führt das denn alles hin? Wieso, wieso verabscheut uns der Allmächtige so sehr, dass er es zulässt, dass dieser wahnsinnige Hitler jetzt auch unser schönes Österreich an sich reißt?

Steiner (sitzt zufälligerweise neben Alfred Winter und hört die Jammerei des älteren Mannes): Ach gib a Ruh! Der Deutsche holt uns aus der Bedeutungslosigkeit zurück, wird uns an die Spitze der Welt führen und du tust nix anderes als dich beschweren?

Winter: Seht ihr? Genau so etwas hätte es unter unserem Kaiser Franz Joseph niemals gegeben. Früher hatten die jungen Menschen noch Respekt vor uns Älteren, aber jetzt? Jetzt wird man beschimpft, weil man eine andere Meinung oder jüdische Wurzeln hat. Junger Mann, eines kann ich dir versichern, im Moment glaubst du vielleicht, dass uns Adolf Hitler wieder groß macht und uns Wohlstand bringt, aber in ein paar Jahren wirst du sehen, was uns dieser Anschluss an das Deutsche Reich gebracht hat. Nix! Genau gar nix!

Ein paar Monate später, wir schreiben den 25. Mai 1938, treffen sich die beiden Herrschaften erneut im Gasthaus “Zum goldenen Ochsen”. Einen Tag davor wurde Österreich offiziell zur Ostmark unbenannt.

Steiner: Hallo, Alfred Winter, richtig? Was sagst du zum Namen Ostmark? Schön, oder? Hat irgendwie etwas Modernes, aber so wie ich dich einschätze, gefällt dir der Namen eh wieder nicht.

Winter: Wenn ich ehrlich bin, Herr Steiner, ist mit der Name völlig egal. Von mir aus könnten wir auch Land der Wiener Schnitzel heißen. So lange wir Hitlers Propagandaterror ausgesetzt sind, so lange werde ich vor mich her jammern.

Steiner: Da soll dich einer verstehen! Hitler bringt Arbeit in unser Land und du jammerst mir da irgendwas von Propagandaterror vor.

Wir schreiben das Jahr 1945, Kriegsende. Das große deutsche Reich verlor in diesem Jahr zwei Dinge: den Zweiten Weltkrieg und Adolf Hitler. Während August Steiner die Niederlage akzeptieren muss, zeigt sich Alfred Winter heilfroh über das Kriegsende.

Steiner: Herr Winter, wissen Sie, wie es jetzt weitergehen wird? Ich meine, alles liegt in Schutt und Asche! Werden wir jemals wieder ein normales Leben führen können, nach all dem, was geschehen ist?

1955. Ein denkwürdiges Jahr für Österreich. Nach sieben Jahren nationalsozialistischer Diktatur und zehn Jahren Besatzung durch die Siegermächte wird am 15. Mai 1955 von den Vertretern der Alliierten und vom österreichischen Außenminister Leopold Figl der Staatsvertrag unterschrieben, der am 27. Juli 1955 in Kraft tritt. Steiner und Winter treffen sich nach zehn Jahren abermals im Gasthaus.

Winter: Ja Grüß Gott, Herr Steiner. Bei unserem letzten Gespräch, das muss jetzt schon fast zehn Jahre her sein, hatten sie ja Sorgen, wie es weitergehen soll. Ich denke, Sie haben jetzt Ihre Antwort.

Steiner: Guten Tag, Herr Winter. Ja, sehr erfreulich, diese Entwicklung.

Winter: Sieh an, sieh an. Auch wenn ich wahrscheinlich nicht mehr viel von der Zukunft sehen werde, freut es mich doch, dass es mit diesem Land wieder aufwärts geht. Der Staatsvertrag ist erst der Anfang.

Steiner: Österreich steht eine große Zukunft bevor. Diesmal kann ich diesen Satz beruhigt sagen, denn diesmal stehe ich auf der richtigen Seite.