Mutter

Von Lisa Hartl, Schülerin der 3BK | Dezember 2018

Ich muss es machen, ich muss, ich muss. Gott, wie ich diese Frau nur satt habe. Aber sie ist schließlich meine Mutter. Und mein Mann ist auch keine große Hilfe. Natürlich, er arbeitet ja. Ich kann es schließlich nicht. Denn ich muss auf meine Mutter aufpassen und für sie sorgen. Sie hat mein Leben ruiniert. Ihre Lieblingsbeschäftigung! Seufz. Ohne sie hätte ich ein besseres Leben gehabt, wegen ihr musste ich schon meine Schulausbildung zur Pflegerin abbrechen und sie pflegen. Ich sage das ja nicht gern, aber ich hoffe, sie gibt schnell den Löffel ab. Ich möchte endlich wieder meinen normalen Alltag zurück. ,,Die Männer sind wieder da, schau doch Kind, sieh aus dem Fenster. Da stehen sie und gucken mich mit ihren blutunterlaufenen leeren Augen an. Ich weiß, was sie wollen, sie wollen mich holen. Hah, das können sie vergessen, wenn sie es versuchen, dann machen sie Bekanntschaft mit meinem Gehstock“. Ich sehe genervt zu, wie meine Mutter im Bett mit ihrem Gehstock in der Luft rumfuchtelt und Kampfgeräusche macht. ,,Seufz, ja, Mutter, das wirst du“. „Viel wichtiger ist, ich habe Hunger, mach mir was zu essen. Du bist meine Tochter und deine Pflicht ist mich zu pflegen. Oder soll ich etwa den Nachbarn erzählen, dass du dich gar nicht um mich kümmerst, dass du eine schlechte Tochter bist. Du weißt genau, die Leute im Dorf lieben Tratsch.“ ,,Warum? Warum machst du das? Ich habe wegen dir alles aufgegeben. Ich versorge dich rund um die Uhr. Und achte darauf, dass dir nichts fehlt. Und trotzdem redest du schlecht über mich, wieso?“,, Weil die Gesellschaft es erlaubt. Und jetzt hopp hopp, ich habe Hunger, grins.“ ,,Wie du wünscht, Mutter“, das letzte Wort knirsche ich eher hervor. Wie mich diese Frau zur Weißglut bringt. Sie verlangt immer alles von mir. Aber etwas zurückgeben fällt ihr im Traum nicht ein. Besser, ich mache ihr schnell etwas zu Essen.

In der Küche

(Schneid schnipp streich) So, ich hoffe der Eintopf wird sie zufriedenstellen. Ich kann es mir nicht erlauben, dass meine Nachbarn über mich reden. Mein Ruf ist sowieso schon wegen meiner Mutter angekratzt. Besonders Nachbar Gil liebt den Tratsch, seufz, er ist ein starrköpfiger seniler alter Trottel. Hmpf. Seiner Meinung nach sind Frauen nur gut zur Hausarbeit und zum Kinderkriegen. Ich bin doch keine Dienerin oder Zuchtstute! Dem würde ich am liebsten die Leviten lesen. Wir haben das Jahr 1968 und Frauen werden selbst heute noch als minderwertig angesehen. Männer, ohne uns würden sie doch nicht einmal Kinder haben! Naja, aber wer weiß, vielleicht werden sogar Männer in der Zukunft schwanger werden können. Aber ich würde trotzdem gerne den Gesichtsausdruck sehen, wenn plötzlich ein Mann schwanger wäre. Wie die Welt wohl reagieren würde? Aber für Schwule wäre es grandios. Ich bin auf der Seite der Schwulen und Lesben. Denn ich finde, sie machen nichts falsch, sie leben einfach nur ihre Liebe aus. Und das ist doch nicht verwerflich. Leider ist unsere Gesellschaft nicht so tolerant gegenüber jemandem, der nicht der Norm entspricht. Was riecht hier so verbrannt? Verdammt der Eintopf, den habe ich ja längst vergessen…

Ein paar Tage später…

,,Kind, ich finde meine Brieftasche nicht. Bestimmt hast du sie  gestohlen“. Sag das noch einmal! WIE KANNST DU ES WAGEN? REICHT ES DIR NICHT, MICH IMMER ZU BESCHIMPFEN UND ZU BESCHULDIGEN, FÜR SACHEN, DIE ICH NICHT GETAN HABE? MIR REICHT ES BALD! WENN ES NICHT BALD AUFFHÖRT, DANN…..DAnn….dann…… ach verdammt. ,,Schatz, sag doch auch mal etwas!“. Ich sehe, wie mein Mann aufsteht und meint, er gehe mal die Brieftasche suchen. Männer! Für nichts zu gebrauchen. Sitzen faul rum, geben an, wie großartig sie doch sind, und denken, ihnen liege die Welt zu Füßen. Außer protzen, sich betrinken und stinken können sie gar nichts. Und sich selbst versorgen auch nicht! Ich glaube kaum, dass sie überhaupt wissen, wie ein Pfannenwender aussieht. Mein Mann ist ein gutes Beispiel. Warum ich ihn geheiratet habe? Die verdammte Liebe hat mich blind gemacht und ich bin auf ihn hereingefallen. Ein Knarren erweckt meine Aufmerksamkeit wieder und ich sehe im Augenwinkel, wie mein Mann zurückkommt und meint, dass er die Geldtasche unter dem Bett gefunden habe. Meine Mutter nimmt sie einfach. ,,Gut, ich habe mich geirrt, du warst es also nicht, dann waren es eben die Männer, ich hätte es wissen müssen“. Ich bin 36 Jahre alt, verheiratet und habe bis gerade eben noch nie jemandem den Tod gewünscht. Ein scheußliches Gefühl erfüllt meine Brust. Am liebsten hätte ich sie umgebracht, so sehr hasse ich sie. Aber ich muss sie pflegen. Wenn man es nicht macht, wird man in der Gesellschaft schief angeschaut. Zum Teufel mit der Gesellschaft! Ich hoffe, dass irgendwann alles anders sein wird. Wie mit den Studentenbewegungen, die wollen auch etwas bewegen. Ich wünschte, ich wäre wieder 18 und könnte dabei mitmischen. Aber selbst, wenn ich es könnte, mit welchem Geld? Ich bekomm Haushaltsgeld von meinem Mann, für Lebensmittel, mehr auch nicht. „Kind, komm schnell, die Männer sind wieder hier!“ ,,Ich sehe aber keine.“ Wenn es Winter wird, muss sie es doch einsehen, wenn sie keine Spuren im Schnee sehen wird. Ich hoffe der Winter kommt bald….

Dezember…..

 ,,Siehst du Mutter, diese Männer sind nicht echt. Sie hinterlassen keine Spuren im Schnee.“ ,,Natürlich nicht! Sie können ja fliegen mit ihren schwarzen Flügeln. Sie mögen es nicht, kalte Füße zu bekommen“. ,,Natürlich Flügel, warum bin ich nicht selbst darauf gekommen? Wie dem auch sei? Jetzt wird geschlafen. Nacht“.

Nach diesem Gespräch geht es meiner Mutter immer schlechter und wir sehen uns gezwungen, sie ins Krankenhaus zu bringen. Nach drei Tagen besuchen wir sie. Naja, als wir in ihr Zimmer gehen, finden wir es leer vor. Verwundert fragen wir vorne am Schalter nach, was los sei. Man teilt uns mit, dass sie verlegt wurde und zwar in die Abteilung für Leute, die nicht mehr ganz richtig im Kopf sind. Wie passend, ich muss mir wirklich das Lachen verkneifen, nachdem ich dies gehört habe. Als ich durch ihre Zimmertür gehe, starren mich leere Augen an, die nichts und niemanden mehr wahrnehmen. Mein Lachen verschwindet augenblicklich. Ihr Blick ist in die Ferne gerichtet, so als würde sie etwas sehen, was uns verborgen bleibt. Auch wenn ich sie hasse, ist sie immer noch meine Mutter und das habe ich ihr wirklich nicht gewünscht.

Drei Tage später…..

Driiiiinnnnggg…..das schrille Läuten des Telefon reißt mich aus meinem Schlaf. Verschlafen schaue ich auf die Schlafzimmeruhr. 03:05 Uhr.  Leise tapse ich in die Küche und nehme mit zitternden Händen ab. Wieso meine Hände zittern, weiß ich nicht. Verschlafen murmle ich nur: ,,Ja, hier bei Familie Schmidt.“ Danach teilt mir eine Stimme die beste Nachricht seit langem mit. Nach dem Gespräch lege ich auf. Mein Körper erwacht zu neuem Leben. Meine Mutter ist tot. Endlich ich bin frei! Entschlossenheit überkommt mich. Ich zögere nicht, meinen Plan in die Tat umzusetzen. Ab heute lasse ich mein altes Leben hinter mir. Leise schließe ich die Haustür hinter mir. Kalter Wind peitscht mir ins Gesicht, aber das ist mir egal. Jetzt kann es nur noch besser werden. Und ich hatte recht. Ach ja, stimmt, ich habe vergessen mich vorzustellen. Mein Name ist Carina…